SCHÖNE GRÜßE AUS ZUVERSICHT

Es ist Samstagmorgen und in Bayern gehen die Herbstferien zu Ende. Ich komme aus Goslar, wo ich für eine Woche im Kloster war, danach fühl ich mich immer wie frisch geschlüpft und schau und hör mir die ganze Welt mit offenem Mund an.

Im Regionalzug nach Göttingen unterhält sich ein älteres Ehepaar fünfzehn Minuten darüber, dass unser Anschlusszug nach München fünf Minuten später abfährt. Signalstörung, wie ihr Handy behauptet. “Dann wird’s ja stimmen”, sagt sie und er: “Hoffentlich fährt er überhaupt.” “Natürlich fährt der, warum denn nicht, das ist doch nicht am Zug”, herrscht sie ihn an. Ein paar Minuten später lachen sie gemeinsam über etwas, sehr vertraut.

Der ICE fährt dann 15 Minuten später los und ist sehr voll. Ich finde einen Platz neben einem Herrn, dem das nicht so gefällt, “ich geh eh erst mal einen Kaffee trinken”, sag ich ihm. Im Kloster gabs den nur mit Honig.

Im Speisewagen gibt es ihn erst mal gar nicht, weil die Kaffeemaschine Pause macht, Kaffeepause also. “Heute morgen beim Frühstück war Rushhour”, erklärt die Kellnerin, “und irgendwann sagt die Maschine
Schluss, ich muss mich jetzt mal 15 Minuten reinigen und regenerieren.”

Das hab ich grad eine ganze Woche gemacht, denke ich und sage: “Gut so, das sollten wir alle öfter machen.” Niemand lacht. Mein Cappuccino ist dann ungefragt die größte Portion.

Am Vierer-Nebentisch hat eine wichtige junge Frau ihren Laptop aufgestellt und Unterlagen ausgebreitet, ihre Koffer liegen auf unter den Sitzen. Die Kellnerin fragt, was sie bestellen möchte, sie sagt, “ein lauwarmes Wasser.” Die Kellnerin sagt, die Maschine mache nur kochend heißes, und dazu könne sie sich ein stilles Wasser kaufen. “Ach, dann nehm ich eine Latte macchiato.”

Als ich zurück an meinen Platz gehe, fragt mich mein Nachbar, ob ich Platzangst habe. Ich sage nein und er bietet mir seinen Fensterplatz an, das wäre ihm sonst zu eng. Dann spricht er mit seinem Handy, obwohl da drin niemand zuhört.

Der Schaffner hat immer wieder durchgesagt, wie wir zeitlich liegen und wo wer wann besser umsteigt, um doch noch den Anschlusszug etwa nach Wien zu kriegen, was sehr entspannend wirkt. Und irgendwann sagt er, ganz stolzer Trainer: “Wir sind jetzt wieder pünktlich.”

Als ich mir auf Toilette die Hände wasche, sagt er, dass wir uns jetzt vielleicht wundern, warum der Zug hier hält, sie hätten gerade erfahren, dass weiter vorne ein Lkw gegen eine Brücke gefahren ist, jetzt müssen wir auf den Sachverständigen warten, “das kann so eine Stunde dauern”. Als ich aus der Toilette komme, lacht niemand und fast alle tippen in ihre Handys.

Dann sagt er noch, dass er gerade gehört hat, dass da schon öfter ein Lkw dagegen gefahren sei und es wäre immer weiter gegangen, die Brücke müsse also ziemlich stabil sein. Jetzt lachen doch ein paar.

Dann sagt er, dass sie in den vorderen Wagen die Türen aufmachen und das sich jeder im Bistro ein Softgetränk holen kann. Als ich an der Theke vorbei zum Ausgang gehe, ist dort schon eine Schlange. Und dann stehen wir alle auf einem Dorfbahnsteig in der Sonne, die Kinder lachen, die Erwachsenen telefonieren, genervt ist fast keiner, wir sind ja alle eine Gemeinschaft. Ich weiß nicht, wie das Dorf heißt, und ich glaub, da muss ich auch nicht mehr hin.

Es hängt noch ein Zweitzug am ersten, und dort im Bistro haben sie einfach die Getränkekisten auf die Tische gestellt. Wieder draußen sehe ich eine bekanntes Gesicht und dann noch zwei, ein Mutter und zwei Töchter, die ich aus unserer Kirchengemeinde kenne. Die Mutter überlegt, ob sie sich von ihrem Mann abholen lassen soll, der hätte im Internet schon gegoogelt, dass Schienenersatzverkehr organisiert wird.

Ich lache und sage, das ist vielleicht ein bisschen zuviel des Wissens, wahrscheinlich machen sie das immer so, um im Fall eines Falles bereit zu sein. Und dann ruft der Schaffner auch schon laut “EINSTEIGEN, EINSTEIGEN, es geht weiter”, und dann warten wir alle auf eine Frau, die vom Feld aus Fotos gemacht hat, und dann geht’s weiter. Ich merke, dass ich zu früh rein bin und nun im Zweitzug bin.

45 Minuten kommen wir dann später in München an und ich geh in den Erstzug, wo die Schaffnerin schon an meinem Platz auf mich wartet. Ich könne mir ruhig Zeit lassen, sie habe eh bis nachts um elf Dienst.

Am nächsten Tag ist die ältere Tochter Ministrantin beim Gottesdienst und als sie mit dem Klingelbeutel bei mir vorbei kommt strahlt sie “Hallo” und ich strahle zurück.

Blick aus Zugfenster: Wo wir hielten.

One Reply to “Kleine Pausen”

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