SCHÖNE GRÜßE AUS ZUVERSICHT

Wer graue Haare hat, sollte weniger arbeiten

Dienstagabend um halb zehn. Drei Stunden habe ich mit einer guten alten Freundin bei zwei bis drei Drinks und einem Happen gesessen, in einem der schönsten Räume in einer der schönsten Straßen in einem der schönsten Viertel dieser schönsten Stadt. Es war ein schöner Abend. Wir verabschieden uns, es ist der erste laue Frühlingsabend, ich will zu Fuß über den Fluss nach Hause gehen.

Ums Eck komme ich an einem Schaufenster vorbei, hinter dem ein Mann in Schwarz mit grauen Haaren am Kopf sitzt und in einen großen Computer schaut. Früher war das ein Geschäft, nun ist es wohl ein Architekturbüro, vermute ich, weil die hier oft in früheren Läden sind und weil die meistens da drin schwarz angezogen sind. Was nicht rein passt, sind die grauen Haare, nachts um halb zehn.

Ich meine, das kann ja wohl nur der Chef sein oder ein Partner, oder? Sollte der jetzt nicht bei seiner Familie sein? Oder, wenn er keine hat, sollte er jetzt nicht versuchen, eine zu schaffen? Oder in der Bar sitzen, in der wir gerade waren, auch wenn wir da die einzigen mit grauen Haaren waren. Oder wenigstens auf dem Sofa hocken und Netflix gucken. Oder, wenn er den unbedingt um die Zeit arbeiten muss, in einem Job, in dem man das jetzt tun sollte – also als Koch, Kellner oder Kinokartenabreißer?

Ich habe das alles schon getan. Erst war ich Koch, bis ich Mitte 20 war und gemerkt habe, so kriegst Du keine Familie. Als ich die hatte, machte ich mich selbständig, und arbeitet immer noch abends und am Wochenende, bis ich Ende 30 war und krank wurde. Ende 40 war ich dann auch noch arm und mit 50 lebte ich sogar für eine Jahr in so einem Laden, der auch mein Studio war. Da hatte ich schon längst graue Haare. Und viel freie Zeit.

Ab und zu arbeitete ich da wieder abends und am Wochenende, als Kellner oder Kinokartenabreißer. Als ich nun den schwarzgrauen Mann in seinem eigenen Aquarium sitzen sah, hatte ich meinen freien Tag, am Tag zuvor hatte ich ab mittags um eins drei Stunden gearbeitet, am Tag drauf sollten es immerhin sechs werden, ten to four. Das reicht mir.

Der schwarzgraue Mann sah wütend und müde aus, als er da nachts im Schaufenster saß. Er sollte das lassen.

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